Kornwochsn
“An ein lehrreiches Kinderspiel erinnere ich mich besonders
gerne, man nannte es „Kornwochsn“. Es wurde im Winter in der
Stube gespielt. Dabei konnten beliebig viele Kinder jeden Alters
mitmachen. Der Ablauf veranschaulichte uns Kleinen auf spielerische
Art, alle Arbeiten von der Saat des Korns – damit ist der
Roggen gemeint – bis zur Ernte und darüber hinaus.
Als Erstes legten sich alle Kinder mit dem Bauch auf
den Boden. Nun kam der Bauer als Sämann – ihn spielte
meist der Vater – und baute das Getreide an, indem er Sägespäne
über uns Kinder streute. Dann setzte der Regen
mit einigen Spritzern Wasser ein, darauf wehte der Wind.
Das geschah mit einem Besen, der über den Kindern durch die Luft
geschwungen wurde. Zwischen „Regen“ und „Wind“ wurden wir
immer daran erinnert, dass wir wachsen müssten. Dies geschah
so, dass wir erst die Finger, dann die Arme und als nächstes den
ganzen Körper aufrichten durften. Dazwischen war immer wieder
für Regen und Wind gesorgt. Das bereitete uns Kindern natürlich
viel Vergnügen. Wenn schließlich das Korn reif war, wurde es mit
dem Besen „gemäht“ und zu Garben gebunden. Diese wurden zu
„Kornmandeln“ zusammengestellt. Nach einer Zeit des Trocknens
war es dann soweit, das Korn nach Hause zu fahren, um es (mit
dem Besen) zu dreschen und dann in die Mühle zu bringen. Dabei
wurden wir bei den Füßen gepackt und auf dem Fußboden durch
die Stube gezogen.
Man kann sich vorstellen, wie begeistert wir Kinder jedes Mal
waren, wenn das „Kornwochsn“ angesagt war. Dazu muss ich allerdings
sagen, dass dies nicht allzu oft der Fall war. Als ich nämlich
zur Welt kam, war mein Vater immerhin schon 56 Jahre alt.
Dieses beschriebene Spiel dauerte ziemlich lange und diese Prozedur
war für ihn doch ziemlich anstrengend. Es waren ja meist
auch die Nachbarskinder dabei.”
Der Text stammt aus: Bertl Müller, Jahresringe -Eine Familienchronik